|
Interview von Guillaume Hillairet, Jan Kopp und Véronique
Loock;
März 1996 Wer erteilte den Auftrag für die Ersetzung des Gefallenendenkmals von Biron? Das ursprüngliche Projekt, das Denkmal von Biron zu restaurieren, geht von Biron selbst aus. Der Bürgermeister Marc Mattéra hat davon zunächst dem Zuständigen des Staates für die bildende Kunst der Region Aquitaine, Joël Savaray, erzählt. Die Idee einer einfachen Restaurierung entwickelte sich zu einem größeren Eingriff: Ein Tabu wurde gebrochen, vielleicht das größte des öffentlichen Raums im Hinblick auf seine Aussage und seine Form. Im Pariser Kultusministerium machte man daraus einen staatlichen Auftrag für den öffentlichen Raum, der zum Ziel hatte, das bestehende Denkmal für die Gefallenen Birons zu ersetzen. Man hatte sich schon vor der Auftragserteilung für den Künstler entschieden. Der Auftrag hat sich vielleicht auch deshalb verändert: Man wollte, daß ich auch in Frankreich eine Skulptur "parallel" zu denen in Deutschland realisiere. Wie erklären Sie diesmal die Sichtbarkeit des Lebenden Monuments? In Hamburg und in Saarbrücken mußte ich die Sichtbarkeit der Skulptur opfern, damit die Leute sie fordern. Es ist das erstemal, daß sie sagen: "Wir sehen nichts", während sie ihr Leben lang sagten: "Wir haben nichts gesehen, wir waren nicht dabei". Das war notwendig an dem Ort. Die Sichtbarkeit des Lebenden Monuments von Biron ergibt sich aus der Tatsache, daß die Vergangenheit als Tradition so sichtbar ist in Frankreich. Es geht einfach um die Störung dieser Tradition, um Magrittes: "Ceci n'est pas une pipe". Hat die Anzahl der Einwohner des Dorfs einen Einfluß auf Ihr Konzept? Wären Sie in einer Stadt auch so vorgegangen? Mein Projekt besteht zunächst darin, das Denkmal unberührt zu lassen, was mir selbstverständlich erscheint. Das vorhandene Objekt wird in einen aktuellen Kontext gestellt, um ihm eine anderen Sinn zu geben. Beides ist wichtig: es formal nicht zu verändern und ihm gleichzeitig einen neuen Sinn zu geben. Das dient vielleicht als Hinweis darauf, daß die Dekonstruktion, das Zitat und selbst das Neue oft eine zu materielle Richtung nehmen. Der Großteil der existierenden Architektur befindet sich in unseren Köpfen, in unseren Überlegungen und in unserer kulturellen Infrastruktur. Wir können, ohne Mauern einzureißen, auf unsere mentale Struktur, die andere Hälfte der Architektur, einwirken, um Materielles zu verändern oder neu zu schaffen. Ähnlich wie auf dem Schloßplatz in Saarbrücken, wo der verändernde Eingriff und das Fehlen von Sichtbarkeit der Kern des Mahnmals gegen Rassismus sind. Die rein physische Erfahrung eines Ortes ist nicht alles. Ich habe Statistiken, Informationen und Karten der Dordogne gelesen. All das sind physische Erfahrungen. Die Vergangenheit, die Geschichte und die Vorgeschichte, Dinge die nicht anfaßbar sind, bilden einen Teil dieser von einem Ort gelebten und geprägten Erfahrung. Das Projekt geht natürlich davon aus, daß das Dorf Biron 134 volljährige Einwohner hat. Die Herausforderung ist es, mit jedem einzelnen zu tun zu haben. Ich bin in alle Häuser des Dorfs und die umliegenden Bauernhöfe gegangen, um eine Frage zu stellen, die den Wert und den Preis des heutigen Lebens betrifft. Diese Frage wird unveröffentlicht bleiben, während die Antworten, auf Emailletafeln eingebrannt, ihren Platz auf dem Lebenden Monument finden sollen. Die Veröffentlichung der Antworten der Einwohner Birons bilden den visuellen Eingriff. Es ist aber auch der Versuch, alle und alles ­p; oder wie es im Märchen heißt: Steine und Bäume­p; zum Sprechen zu bringen. War das Geheimnis der Frage Bürge für die Aufrichtigkeit der Antworten? Es ermöglichte die Spontaneität, Aufrichtigkeit und Originalität der Antworten. Die Einwohner Birons werden von ihren Antworten überrascht sein. Warum richtet sich die Frage nur an die volljährigen Bewohner? Die Antworten beziehen sich auf eine Erfahrung, man muß zurückblicken können. Die Achtzehnjährigen und die neuen Einwohner können, auch nach der Einweihung, die Frage beantworten. Ihre Antwort wird sich auf dem Monument befinden. Die Frage wird von einer Person aus dem Ort gestellt, die das Projekt fortführt, wenn ich nicht mehr da bin. Das Lebende Monument von Biron ist ein "work in progress". Sind die Antworten auf den Schildern anonym? Sie sind anonym. Eine Person von außerhalb kann die Autoren der Texte nicht identifizieren. Für die Einwohner des Dorfs ist es vielleicht anders. Sie brauchen sicher keine Unterschrift. Wenn es keinen Platz mehr auf dem Monument gibt, was wird mit den künftigen Schildern geschehen? Jedes Schild zeigt eine Antwort, einen Text von bis zu sieben Zeilen. Es ist wichtig, daß jede Antwort eine kleine Welt für sich ist. Die Schilder sind auf der Oberfläche des original rekonstruierten Monuments beliebig verteilt. Sollte die Oberfläche nicht ausreichen, wird der umgebende Raum, der Sockel und der Boden, gebraucht. Ich fühle mich der Skulptur als Objekt nicht verpflichtet. Die Schilder dürfen auch den Boden "squatten". Es liegt in der Natur der Energie, sich ihren Weg zu suchen. Wider das Vergessen oder Schaffung von Erinnerung: Um was handelt es sich? Ich habe einerseits sicherlich den Wunsch, die Vergangenheit zu provozieren, andererseits lerne ich aber auch, das Gegenteil zu tun. Die Intimität des Wiedergefundenen: Man kann das, was man verliert, aber nicht das, was man vergißt, wiederfinden. Begriffe wie "Vergangenheit" und "Gedächtnis" sind für mich legitim. Jedes Kind hat ein Anrecht auf seine Vergangenheit wie auf Nahrung. Eine Gesellschaft ist es sich schuldig, ihre Vergangenheit zu überliefern. |